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Der kleine Jakobsweg

Ok, ein wenig trügerisch der Titel, denn Marcel und ich waren gar nicht auf dem Jakobsweg. Vielmehr ist mir auf meiner eigenen Pilgerfahrt einmal der Satz „Den Kopf mit den Füßen waschen“ begegnet.

Marcel und Dom WandernUnd genau darum sollte es auf unserer Wanderung gehen. Wir wollten einem unserer Jugendlichen die Gelegenheit bieten den Kopf frei zu bekommen. Dabei kann so eine Wanderung einiges bewirken. Man kommt an seine Grenzen, spürt seinen Körper und kann innerlich zur Ruhe kommen. Daher sind wir vom Hof Mittelberg aus auf dem Herrmannsweg im Teutoburger Wald bis zu den Externsteinen bei Horn-Bad Meinberg gewandert. Das waren 120 km in 6 Tagen. Eine beachtliche Leistung für einen 14 jährigen, der nie zuvor eine so weite Strecke und dann auch noch mit 10 kg Gepäck auf dem Rücken, bewältigt hat. Wir packten nur das Nötigste ein und ich nahm noch zusätzlich unsere Lebensmittel sowie Wasser mit in meinen Rucksack. Frohen Mutes sind wir losgelaufen und hatten traumhaftes Wetter. Marcel wusste nicht so recht was ihn erwartet aber er dachte sich wohl, so schlimm wird es schon nicht werden. In der Rückschau ist dem auch so, wenn man jedoch gerade mitten drin steckt in einer anstrengenden oder unangenehmen Situation, dann sieht das schon ganz anders aus. Genau daran kann man wachsen. So schaute Marcel immer wieder mit mir auf die Karte und wir besprachen, wo unsere kleinen Pausen so stattfinden könnten. Er konnte natürlich noch nicht abschätzen wie die wenigen Zentimeter auf der Karte sich auf dem Wanderweg abzeichnen würden.

Wanderung MarcelDer erste Tag war jedoch noch geprägt von Abenteuerlust und Aufbruchstimmung. Mir war schon zu Anfang klar, dass die wirkliche Motivationsarbeit erst am dritten Tag zu erwarten war. Dann nämlich ist der Körper langsam wirklich erschöpft, die Muskeln schmerzen und Blasen finden sich nun zuhauf an den Füßen. Dann dennoch weiter zu gehen und den Schmerz zu ignorieren, ist schon eine Herausforderung. Schlimmer jedoch sind die eigenen Gedanken. Wenn das eigene Gedankenkarussell sich dreht und wie in einem Mantra immer wieder auftauchten. Man glaubt nicht an sich, sagt sich selber immer wieder „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich schaffe das nicht.“, dann steht man vor der eigentlichen Herausforderung. Und so war es dann auch. Marcel wollte nicht mehr und wir durchschritten gemeinsam das Tal der Tränen. All mein Singen (ich kann es auch nicht wirklich gut), gut zureden oder auch mal anranzen schienen nicht zu helfen. Dennoch ließ ich ihn nicht gewähren, denn ich wusste, sein Kopf macht den meisten Ärger, nicht der Körper. Und dann irgendwann war sie da, die Wut. Und er wusste sie für sich zu nutzen, denn dann legte er ein Tempo vor, dass ich Schwierigkeiten hatte mitzuhalten. Aus dieser Wut wurde schnell Stolz, denn Marcel spürte, wie viel Kraft in ihm steckt, dass noch lange nicht Schluss ist und er sogar in der Lage war „mich alten Hasen“ in die Tasche zu stecken. So wanderte es sich gleich viel leichter, für ihn und für mich. So kamen wir auf unserem Weg durch Bad Iburg, liefen an Hilter und Dissen vorbei, zelteten bei Halle im Wald, kamen in Bielefeld in der Jugendherberge unter und erwanderten uns zum Schluss die Externsteine. Was ein Anblick und ein Gefühl, sein Ziel zu erreichen und beobachten zu können, wie ein 14 jähriger zu wachsen beginnt. Den eigentlichen Erfolg so einer Wanderung sieht man jedoch erst mit ein wenig Verzögerung, wenn in den Wochen danach die Gespräche und Gedanken zur Reife gelangen. Also auf ein Neues im nächsten Jahr, mit einem anderen Jugendlichen.

Erzählt von Dominik May